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Afrika Tagebuch - Report 6

Aus dem Englischen von Marco Boltz


Pretoria, Südafrika, 08.05.1999

Hallo Ihr Lieben,


die Tage in Südafrika werden mittlerweile kürzer, es wird kühler (stellenweise steigen die Temperaturen nicht über 20° C!), und es ist Zeit für einen neuen Bericht.


Der Fakt, daß es zwei Monate gedauert hat bis ich Zeit gefunden habe, Euch mal wieder auf den neuesten Stand zu bringen, ist nur ein weiterer Indikator dafür, daß ich wohl nicht dazu bestimmt bin, Frieden in Südafrika zu finden. Aber nicht alles ist Grau in Grau – in einigen Aspekten hat sich mein Leben ein bißchen verbessert. Was ist also passiert?


An der Arbeitsfront haben sich die Dinge zum Besseren gewandelt. Als Ihr das letzte Mal von mir hörtet, sollte die Schule, in der ich arbeitete, geschlossen werden. Nun, das ist letztendlich nicht passiert. Der größte Teil des Aprils war ein unfreiwilliger Urlaub für mich (zehn Tage, die ich für einen coolen Trip mit Freunden nach Simbabwe, unserem nördlichen Nachbarland, nutzte. Großartiges Land, so freundlich, und dank Präsident Mugabes Unfähigkeit zur Zeit extrem billig. Und es ist so anders als Südafrika – es beweist, daß Afrika trotz allem sehr viel Charme haben kann).


Nach der Schließung wegen des Streiks öffnete die Schule erneut für weitere zwei Wochen und schaffte es bis zu den Schulferien. Jeder dachte, daß diese drei freien Wochen den streitenden Parteien Zeit gäbe, um den Konflikt zu lösen. Eben nicht. Die eigentliche Bombe explodierte während der Ferien. Es stellte sich heraus, daß die Schule bankrott war. Bereits im März wurde Geld geliehen, um die Gehälter der Lehrer bezahlen zu können. Jeder stellte die gleiche Frage – Wie war das möglich? Bevor die momentane Direktorin die Schule übernommen hat, wurde sie direkt vom katholischen Loreto-Konvent geleitet, mit einer weißen Nonne als Direktorin und Nonnen als Lehrer. Die Schule lief unter einem strengen Regime, mit Disziplin, einem breitgefächerten Angebot an Unterrichtsfächern und einem Vermögen von 1,5 Millionen Rands auf der Bank.


Nach dem Ende der Apartheid entschieden die Nonnen, daß es Zeit sei, progressiv, liberal und zukunftsorientiert zu sein und die Kontrolle der örtlichen Kommune zu übergeben. Laienlehrer wurden eingestellt (nicht alle katholisch), und 1996 wurde eine schwarze Frau, die jahrelang Lehrerin an dieser Schule gewesen war und sich in ihrer Loyalität zur katholischen Kirche selbst übertraf, zur Direktorin ernannt.


Es war der Anfang vom Ende. Die neue Chefin war über ihre Ernennung ziemlich überrascht; letztendlich fehlte ihr wirklich jegliche notwendige Managerqualifikation, um die Schule leiten zu können. Aber die Schulverwaltung glaubte an ihr Potential und ließ es auf einen Versuch ankommen. Sie schickten sie auf eine Reise zu amerikanischen Schuldirektoren und auf einen Management-Crashkurs.


Sie wurde von ihren Untergebenen nie akzeptiert. Eifersucht und behinderndes Verhalten gemischt mit wenig Toleranz ihrer unvermeidlichen Fehler gegenüber begannen, die Atmosphäre zu vergiften. Die alte "weißer Drachen"-Direktorin hatte eine gehörige Portion angstvollen Respekt genossen; nicht nur weil sie weiß war, sondern weil sie in den Augen der apartheid-geplagten Schwarzen so etwas wie "vorherbestimmt" war, qualifiziert zu sein. Mit jemandem "aus den eigenen Reihen" an der Spitze verschwand dieser Respekt. Die neue Direktorin versuchte eine "Hände-weg"-Annäherung, die auf Selbstbestimmung der Angestellten beruhte. Folglich wurde sie ständig beschuldigt, nicht streng genug zu sein, nicht darauf zu achten, daß die Lehrer immer in ihren Klassenräumen seien, etc. Folgende verdrehte südafrikanische Logik: Die selben Lehrer, die sie kritisierten, unterrichteten nicht mehr und beschuldigten die Direktorin dafür, "nicht dafür zu sorgen, daß sie es taten". Klingt verrückt? Für mich auch. Nun ja, ständiger Kriegszustand und Gruppenkämpfe (Direkorin-Anhänger gegen Oppositionelle) mit zeitweiligen Streiks und Sabotage standen auf der Tagesordnung.


Die Direktorin selbst ist nicht weniger für die Situation verantwortlich. Neben dem offensichtlichen Mangel an Führungskenntnissen war ihre verwaltungstechnische Inkompetenz verhängnisvoll. Da sie ohne jegliche Budgets arbeitete ("Wir brauchen sowas nicht"), bediente sie sich bei den Reserven jedesmal wenn jemand Mittel für irgend etwas benötigte. Zuverlässigkeit war kaum vorhanden. Eine Aufrüstungsaktion des Computerlabors kostete die Schule zehntausende Rands und hinterließ zu einem Viertel unbrauchbare Rechner. In einem Monat wurden versehentlich einige Lehrer zweimal entlohnt. Weder die Direktorin oder ihre Assistenz bemerkten dies, noch zeigten die Lehrer den Fehler an – sie behielten einfach den unverdienten Lohn in der Hoffnung niemandem würde es auffallen. Unterrichtsgeld, was der Schule von den Eltern zustand, wurde nicht gerade energisch eingesammelt, was zu einem großen Betrag an ausstehenden Geldern führte, während die Betreffenden aber an der Schule bleiben durften. Ermutigt von der Laschheit und angestiftet von der vorherrschenden Kultur des "wenn man durchkommt, ohne zu bezahlen, dann tu es einfach nicht", schuldeten zu Ende des letzten Schulhalbjahres 88 Prozent der Eltern der Schule das Unterrichtsgeld.

Außerdem fehlten der neuen Direktorin im Gegensatz zur vorherigen die Erfahrung und die Verbindungen zur Ersten Welt, um die erfolgreichen Finanzspritzen weiterhin zu beziehen.


Zur miesen Verwaltungsarbeit kamen unglücklicherweise auch noch kriminelle Aktivitäten hinzu. Nicht in der Lage, der Verlockung des verfügbaren Geldes zu widerstehen, wurden große Beträge von Direktorin und Assistenz ausgeteilt – an Lehrer, Freunde und Bekannte, und wie auch sonst, an sich selbst. In dem üblichen kurzfristigen Denken wurde Geld oftmals sehr schnell ausgegeben, was die "Ausgaben" undeckbar machte. Letztendlich suggerierte eine beträchtliche Schenkungssumme, die nie in den Büchern auftauchte, daß selbst blanker Diebstahl eingetreten sein könnte.


In Anbetracht dieser Vorgänge überrascht es in keinster Weise, daß das beachtliche Vermögen, das 1996 noch zur Verfügung gestanden hatte, in nur drei Jahren Stümperei dezimiert und dem Erdboden gleichgemacht worden war. Der Lehrplan wurde auf die Kernfächer reduziert. Dinge wie Kunst oder Musik wurden gestrichen, und Sport auf ein Minimum beschnitten, wegen fehlendem organisatorischem Antrieb und um Geld zu sparen.


Konfrontiert mit dieser Situation während der Ferienzeit entschied die Schulverwaltung, ein Ultimatum zu setzen. Nur wenn die 88 Prozent der Eltern, die die Schulgelder schuldig geblieben waren, diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bezahlen würden und wenn genügend Eltern die Gebühren des nächsten Schuljahres im Voraus beglichen, würde die Schule wieder öffnen. Das war der Zeitpunkt, als ich glaubte, die Schule würde nicht wieder aufmachen. Schließlich hatten mir eine Menge Kinder erzählt, daß ihre Eltern nach den Streiks und der Zerrüttung nach einer anderen Schule für sie suchten. Und jeder, der der Verwaltung Geld schuldete, hatte eine noch größere Motivation, die Schule zu wechseln, um die anstehende Bezahlung auf diesem Wege zu vermeiden.


Am Tage des Termins hatten 8 Eltern ihre Schulden beglichen, und die Schule schloß nicht. Die Verwaltung hatte geblufft, und ihr Bluff war durchschaut worden. Eine katholische Schule in einem Township zu schließen, hätte einen zu großen Gesichtsverlust für die Kirche bedeutet. Der Termin wurde zweimal für eine Woche verlängert, und Sitzung auf Sitzung fand statt.


Am Ende brachte nur eine radikale Lösung die Dinge ins Rollen. Ende April wurde entschieden, die Hälfte der Lehrer einzusparen, um die Schule finanziell haltbar zu machen. Die Direktorin und ihre Assistenz wurden unter dem Vorwand einer Untersuchung suspendiert. Eine weiße Direktorin wurde eingesetzt, um "für einige Monate zu übernehmen".


Und ein kleines Wunder ist passiert. Der Massenabgang von der Schule ist nicht eingetreten. Nach der Wiedereröffnung und der Einstellung der neuen Direktorin kehrten 300 der 370 Schüler mit Geld in den Händen wieder zurück. Vorerst ist die Schule gerettet.


Was mich betrifft, stehe ich wieder im Unterricht, und mir wurde von der Direktorin sogar die Verantwortung für ein Langzeit-Entwicklungsprojekt des Computerlernprogramms übertragen. Sie versucht alles, um die angekratzte Moral in der Schule wieder herzustellen., und zwar mit einigem Erfolg. Der Schulsport wurde mittwochs wieder eingeführt, und (durch einen Kaffeeklatsch-Bekannten von mir) werden wir samstags sogar bald einen Theaterkurs anbieten. Die Aussichten sind also positiv, obwohl die Frage, wie es weitergehen soll, wenn unsere "Aushilfe" wieder geht, nachwievor besteht. Werden die Dinge so reibungslos weiterlaufen? Die Schule wurde vorerst vom Abgrund weggezogen, aber der Spalt ist nahe, und es ist eine vorsichtige Gratwanderung nötig, um das Unglück weiterhin zu verhindern.


Soviel zu der langen Geschichte der Schule. Als Nebeneffekt hat mir die Schließung der Schule eine Möglichkeit gegeben, meine finanzielle Situation zu verbessern. Da ich nicht vollkommen auf meinem Hintern sitzen konnte (zumindest wäre meine Betreuerin sauer geworden), hatte ich begonnen, für eine Stiftung namens DSG Outreach zu arbeiten. Sie helfen Grundschulen im Attridgeville Township, ihr Management, ihre Lehrmethoden und Verwaltung zu verbessern. Ich arbeite für die jetzt freitags (und manchmal donnerstags) in ihrem Computer-Lese- und Schreib-Programm. Ich helfe bei den Schulcomputern, bilde Leute aus und unterrichte eine Klasse von sehr kleinen Kindern in unserem Computerlabor. Es ist ein lustiger Job mit einer netten Chefin und absolut nicht langweilig. Das Beste daran: ich verdiene dabei auch ein bißchen Geld. Ich hoffe, daß, wenn sich diese Arrangement als stabil herausstellt (*auf-Holz-geklopft*), ich mir für den Rest meines Aufenthalts hier ein billiges Auto besorgen kann. Es wäre schön, etwas mobiler zu sein, auch wenn ich die Schwarztaxis vermissen würde. :-)


Was hat es nun mit der Instabilität auf sich, über die ich zu Beginn dieses Berichts gemault habe? Nun, wie Euch bestimmt aufgefallen ist, bin ich wieder mal umgezogen. Der achte Umzug in 8 Monaten. Dieses Mal war es nur nicht freiwillig. Ich wurde umgezogen. Oder um präziser zu sein, ich wurde mit etwa 20 weiteren Leuten aus dem Malvern House rausgeschmissen.


Wie konnte das passieren? Hatten wir das Haus demoliert? Jemanden verletzt? Nicht im geringsten.


Wir hatten angemerkt, daß das Essen etwas besser sein könnte.


Die Verpflegung im Malvern House war ein Problem für so ziemlich jeden Bewohners seit ich dahin gezogen war. Die Mahlzeiten war oftmals immer wieder die selben, es schmeckte alles sehr ähnlich und beinhaltete nicht gerade viel frisches Gemüse und andere gesunde Zutaten. Gekochter, wäßriger Reis mit einer Art billigem Fleisch und einigem (häufig konserviertem) Gemüse gab es an den meisten Abenden, und eine Kombination aus Eiern, Schinken, Toast und den billigsten Cornflakes jeden Morgen. Das ist eigentlich o.k., wenn man bloß zwei Wochen dort wohnt. Nach vier Monaten wird es reichlich widerwärtig. Wenn man 1450 Rands im Monat bezahlt, kann man schon etwas mehr erwarten. Zumindest sagte uns das jeder außerhalb des Malvern House.


Ich hatte die Idee, unsere individuellen Beschwerden in einer kleinen Petition an das Management zu bündeln. Diese war vorsichtig und aggressionslos formuliert, und etwa 35 Leuten haben sie unterschrieben. Wir dachten, dies würde zu größeren Bemühungen des Management führen, die Verpflegung zu verbessern. Wenn letztendlich mehr als die Hälfte der Bewohner einer Beschwerde ihre Stimme geben, wäre das Grund genug, den Service zu untersuchen. Zumindest dachten wir uns das so.


Was wir außer acht gelassen hatten, war die alte südafrikanische Mentalität. An dem ersten Tag nach unserer Petition, wurde Rik, einer unserer Freunde, hinausgeworfen. Die meisten von uns waren auf einem Wochenendtrip und hörten erst davon, als er uns schon verlassen hatte. Er mußte innerhalb von 24 Stunden ausziehen, weil er "am Essen gerochen und dessen Frischheit angezweifelt hatte".


Für den Fall, daß Ihr Euch wundert, nicht einmal in Südafrika ist es legal, einem Mieter fristlos zu kündigen, wenn er seine Miete bis zum Ende des Monats bezahlt hat, solange er seine Wohnung nicht gerade demoliert oder etwas ähnliches schwerwiegendes getan hat. Eine kritische Bemerkung zur Qualität der Verpflegung kann ganz gewiß nicht als solches angesehen werden.


Rik arbeitete allerdings für ein Catering-Unternehmen und hatte schon zuvor das Essen kritisiert. Der Manager und der Besitzer kombinierten ihre Engstirnigkeit und kamen zu dem sprunghaften Schluß, daß Rik derjenige wäre, der den "Ärger heraufbeschwor" und andere zum Protest anstiftete. Den "Anführer" zu beseitigen, würde die "Revolte" schnell zum Schweigen bringen. (Wenn das für Euch nicht gerade nach dem Verhalten typischer Vermietungsunternehmen auf negatives Kundenfeedback klingt, seid Ihr nicht alleine. Es gibt Hotels, die Millionen ausgeben, um herauszufinden, wo ihre Kunden nicht vollkommen zufrieden sind. Wenn man es ihnen sagt, geben sie Dir eine Woche ohne Kost und Logis. Kein Scherz!)


Nun dieser Schuß ging nach hinten los. Die meisten holländischen und deutschen Bewohner waren außer sich und setzten sich für Riks Verteidigung ein. Am folgenden Tag marschierte der Besitzer, ein altmodischer englischer Apartheidanhänger namens Mr. Twist, ins Malvern House. Er hatte Schaum um den Mund. Er schrie das ganze Haus nach dem Anführer der Rebellion zusammen und verlangte die Identifizierung "desjenigen hinter" dieser "unverzeihlichen Anschuldigung". Er präsentierte allen, die die Petition unterschrieben hatten ein 4-Seiten-Pamphlet, in dem er unsere Belange in einer sehr beleidigenden und rüden Art in den Dreck zog. Das Schreiben endete mit der Aufforderung an jeden, sofort auszuziehen, wenn er "mit irgend etwas nicht zufrieden wäre".


Irgendwie hatte er herausgefunden, daß die Petition von mir stammte, und nach einem Schwall von Beleidigungen war ich froh, zuzugeben, daß ich den Text tatsächlich im Namen aller Unterschriebenen aufgesetzt hatte. Er ließ mich dann an seiner Lebensweisheit von den "Menschen, die wie Schafe sind, und immer einem Anführer folgen" teilhaben. Da ich dieser Anführer war, bestand er darauf, daß ich die Behausung bis 10 Uhr morgens des folgenden Tages zu verlassen hätte (wie er es ausdrückte: "Dies ist mein kleines Königreich, und ich bin der König.").


Zuerst wollte ich einen Streit anfangen. Ich hatte einen Freund, einen Jurastudenten aufgesucht, der mir mitteilte, daß die sofortige Kündigung unrechtens wäre. Ich eröffnete diesen Punkt am nächsten Morgen dem Manager und sagte ihm, daß ich vorhätte, bis zum Monatsende in meinem Zimmer zu bleiben. Er sagte mir dann mit einem breiten Lächeln, daß er sich einen Scheißdreck um die rechtliche Situation scheren würde und daß er, für den Fall, daß ich mich weigern würde, meine Sachen aus meinem Zimmer entfernen ließe. Sollte ich darauf weiterhin Widerstand leisten, würde er sein Pistole holen und "mir in die Kniescheibe schießen". Ich entschied, daß mir meine Gesundheit wichtiger war als der legale Triumph und zog aus.


Für eine Woche wohnte ich bei einer deutschen Familie, die sehr nett zu mir war - für eine Weile fühlte ich mich wie Zuhause. (Tatsächlich empfinde ich hier in Südafrika mehr Heimweh als jemals zuvor. Es ist nicht besonders überraschend, daß das Heimweh mit der Scheiße, in der ich tagtäglich wate, zunimmt. Ich hatte niemals gedacht, daß ich meine Heimatstadt Dresden derart anhimmeln würde....)


Die Familie lebt allerdings weit außerhalb der Stadt, und ich mußte sie jedesmal für die Umstände, die ich ihnen bereitete, wenn ich irgendwohin wollte, entschädigen. Außerdem wollte ich bei meinen Freunden sein. Somit mußte ich bald eine Alternative finden.


Dann hatte ich zur Abwechslung mal eine seltene Glückssträhne. Die meisten meiner Freunde, die wegen der Petition ebenfalls Briefe bekommen hatten, ungefähr 20, waren zwei Tage nach mir und Rik auch ausgezogen. Während ich selbst mit wenig Erfolg nach einer Unterkunft für alle suchte, waren zwei von uns in der Lage, durch eine Arbeitsbekanntschaft ein großes Haus zu organisieren. Ihr Chef gestattete uns, in dem Gebäude eines ehemaligen Kinderhort, den er besaß, zu bleiben, ohne daß wir Miete bezahlen mußten (außer Wasser und Strom!). Wir wohnen nun seit einer Woche hier, und obwohl die meisten von uns immer noch in ziemlich leeren Räumen auf dem Boden schlafen, hat unser selbsternanntes Wohnzimmer schon ein Sofa und Sessel, einen Kaffeetisch und, das beste von allem, einen Kamin. Indem wir immer mehr und mehr billige oder kostenlose Möbel erbetteln, wird dieser Ort freundlicher und gemütlicher werden. Die Gegend ist ruhig und wohnlich und liegt verständlicherweise zentral. Außerdem ist es sicherer als die Gegend um das Malvern House.


Nach der Aufregung der letzten zwei Monate scheint es, als ob sich die Dinge doch noch zum Guten gewandelt hätten. Aber in Anbetracht der vergangenen Erfahrungen bin ich vorsichtig, zu schnell in Jubel auszubrechen. Sollte dies alles für ein paar Wochen gut laufen, werde ich anfangen, daran zu glauben, daß letztendlich die Zeit, mich in Südafrika wohlzufühlen, gekommen ist. Ich könnte mit Sicherheit ein bißchen Normalität, Ruhe und gute alte Zufriedenheit brauchen. Wäre schön, wenn ich im Dezember sagen könnte "schade, daß ich gehen muß".


In Hoffnung



Euer Ingo




Nachschub 05.06.1999


Ratet mal, ich war selbstgefällig genug, diesen Bericht noch nicht zu veröffentlichen. Dieses Mal hat es nur nichts mit Streß oder Pech zu tun. Ich war einfach nur zu faul. Die Zeit in dem "kleinen abgedrehten Königreich" vergeht schnell und eben. Ich lebe bequem in dem üblichen Studenten-WG-Stil. Das einzige Möbelstück ist immer noch nur das Bett. Aber das stört mich nicht besonders.


An der Arbeitsfront hat sich auch nicht viel getan, außer daß Pat, meine Chefin im DSG Outreach uns in zwei Monaten verlassen wird. Es ist schade, sie gehen zu sehen. Sie ist großartig, und wir kommen prächtig miteinander aus. Sie sucht nach einer Nachfolgerin ab August, und ich hoffe, daß ich mit dieser genauso gut klarkomme. Wie soll es anders sein, kündigt Pat wegen ihres völlig inkompetenten Vorgesetzten. Ist ja nichts neues in Südafrika. Sie wird nach Botswana gehen, um dort alle Grundschulen mit Computer-Equipment auszurüsten. Cooles Projekt. Hoffentlich kann ich sie ein paar Mal besuchen.


Ach ja, wir hatten gerade Wahlen. Bemerkenswert normal und ganz schön langweilig, wenn man bedenkt, daß es eigentlich nur eine Partei gibt, die den Sieg davontragen kann - der ANC. Gemessen an den aktuellen Zahlen sind sie nah an einer 2/3-Mehrheit im Parlament. Diese Mehrheit würde ihnen ermöglichen, die Verfassung von Südafrika zu ändern - eine Aussicht, die 99% der Weißen den Angstschweiß ins Gesicht treibt. Außerdem setzt sich Nelson Mandela zur Ruhe und Thabo Mbeki übernimmt das Ruder. Er ist viel autoritärer als Madiba mit seinen "magischen" Fähigkeiten zu versöhnen. Die meisten Weißen haben Angst vor einem Südafrika, daß den gleichen Weg geht wie Simbabwe, unser Nachbar im Norden. Dort haben 15 Jahre unter einer 2/3-Mehrheitsregierung von Präsident Mugabe die Wirtschaft des Landes in den Ruin getrieben. Verständlicherweise haben nahezu alle oppositionellen Parteien aufgerufen, "dem ANC keine 2/3 zu geben". Bald werden wir sehen, wer Recht hat. Ich persönlich glaube, daß Mbeki einigen Leuten "in den Arsch treten", etwas Ordnung in den chaotischen öffentlichen Dienst bringen, die Bürokratie vermindern und einige unfähige Leute feuern wird. Die meisten meiner Nachbarn würden mich dafür als verrückt erklären lassen.


Merkwürdigerweise, betrachte ich Südafrika als Land mittlerweile nicht mehr derart negativ wie früher. Ich bin sicher, daß meine verbesserten Lebensbedingungen und das Fehlen von persönlichen Tiefs direkt dafür verantwortlich sind. Ich fang an, mehr in Richtung der positiven Aspekte und dem Zukunftspotential zu schauen, als auf die schlechten Seiten. Sicherlich, die Kriminalität ist nachwievor beängstigend, und ein Gefühl der persönlichen Sicherheit wird vermutlich eine Wunschtraum bleiben (zumindest hier in der Gauteng Provinz, das nach seinem Autokennzeichen GP passenderweise "Gangster’s Paradise" genannt wird).


Aber ich rede gerade mit einigen liberaleren und fortschrittlicheren Weißen, Menschen, die auch gegen die Apartheid gekämpft haben und den großen Zusammenhang sehen. Ich lese mehr aufgeklärte Zeitschriften, für die der ANC nicht nur die Inkarnation des Teufels darstellt. Ich würde sagen, ich zähle mich zu der kleinen aber sympathischen Gruppe südafrikanischer, weißer Liberaler. Das scheint die Nische zu sein, in die ich gehöre.


Obwohl ich Freunde im Township habe, mußte ich erkennen, daß ich hier niemals wirklich integriert sein werde und auch niemals "Zuhause". Die Regeln sind zu unterschiedlich, die Mentalität zu anders für mich, um sie die meine werden zu lassen. Ein guter (schwarzer) Freund von mir, mit dem ich eine Menge Zeit verbracht habe, hat jahrelang für die Südafrika-Special-Forces gearbeitet. Er hat in Angolas Guerillakrieg Menschen getötet, auf Befehl politische Attentate ausgeübt, halt seine Arbeit getan. Er kennt die gesamte kriminelle Szene und denkt, daß es nicht grundsätzlich falsch ist, zu stehlen (und sogar zu töten) solange es nicht deine Freunde sind, die betroffen sind und es der Gerechtigkeit genügt. Er wirft seinen Müll auf die Straße, aber seine Wohnung ist peinlichst sauber. Die meisten seiner "ethischen" Vorstellungen stehen im Kontrast zu allem, an das ich glaube. Zugleich ist er jedoch liberaler als die meisten Schwarzen, die ich kenne. Er ist sehr klug, und es ist eine Freude, mit ihm zu debattieren. Er hat mir enorm geholfen und mir so viele Aspekte des Townshiplebens gezeigt, die ich ohne ihn niemals gesehen hätte. Er ist ein loyaler und vertrauenswürdiger Freund, und es berührt mich, wenn er sagt, daß er sterben würde, um mich zu beschützen. (Nicht daß ich mich jemals in eine derartige Situation begeben würde, in der er dies tun müßte - ich bin immer noch mein altes vorsichtiges Ich - keine Angst!). Und, nein, ich mache mir auch nichts vor oder habe den Verstand verloren. Beide Seiten von ihm sind vollkommen real. Er ist eigentlich genauso wie das Land - ein großer Widerspruch.


Das ist es, was diesen Ort interessant macht. Vielleicht ist es so wie überall, es kommt nur darauf an, mit wem du einen Ort kennenlernst. Bis vor kurzem habe ich größtenteils nur pessimistische, rassistische Weiße kennengelernt, und oftmals apathische, materiell eingestellte Schwarze. Ich hatte Probleme, mich mit einem von beidem zu identifizieren. Aber wenn man die Kommunen-Anführer trifft, weiß man warum die Intellektuellen auf der gesamten Welt soviel Hoffnung in Südafrika stecken. Man sieht was passiert sein könnte (Bürgerkrieg) und fängt an, Dinge wie die Wahrheit und die Schlichtungskommision zu schätzen.


Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß diese Hoffnung sehr real ist und daß man in einigen Jahren in diesem Land ein sehr schönes Leben haben könnte. Ich bin einfach in die Übergangsphase gekommen, in der die anfängliche Euphorie von 1994 nachgelassen hat und die Probleme immer noch angepackt werde müssen. Vielleicht, nur vielleicht, werde ich mich schrecklich langweilen, wenn ich erstmal wieder in der gesetzten europäischen Normalität bin. *Grins* Wir werden sehen.



Euer Ingo